(Selbst-)Hilfe bei Essstörungen in Zeiten von Corona


Diese ungewöhnliche Zeit fordert uns Menschen gerade besonders heraus – gesellschaftlich, individuell, innerhalb der Familie, in Wohngemeinschaften, partnerschaftlich und alleine. Dabei sind Frauen auf einer strukturellen Ebene besonders und anders betroffen: Sie übernehmen – neben dem eigenen Home Office – zusätzlich die Betreuung und Versorgung von Kindern und Angehörigen, den Haushalt und eine Vielzahl anderer sozialer Aufgaben.


Daher können diese Zeiten für Frauen und Mädchen, die unter einer Essstörung leiden, besonders schwierig sein. Zunehmender Stress wirkt sich bei psychischen Belastungen negativ aus, kann die Symptomatik verschlimmern. Gleichzeitig brechen für viele Frauen Unterstützungsmöglichkeiten und hilfreiche Strategien zum Umgang mit der Essstörung weg: Sei es das gemeinsame Kochen, das Entspannen im Yoga-Zentrum oder der enge Austausch mit Freund*innen. Die Tagesstruktur hat sich verändert und liegt gerade sehr bei jeder Einzelnen: Es gibt weniger feste Termine, keinen üblichen Tagesablauf mehr, keine Arbeitszeiten, die den Tag einteilen – durchgehend selber eine Struktur zu schaffen, das ist für viele eine Kraftanstrengung, die nicht leicht zu meistern ist. Und die Veränderungen gehen weiter: Plötzlich ist die Familie die ganze Zeit zu Hause oder aber, wenn frau alleine wohnt, ist sie plötzlich durchgehend alleine. Das heißt auch, dass sich Essenssituationen verändern, vielleicht entsteht dadurch das Gefühl, beim Essen ständig beobachtet zu sein oder aber die hilfreiche Struktur des gemeinsamen Mittagessens in der Arbeit fällt weg. Noch dazu hat die Atmosphäre am Anfang der Einschränkungen mit “Hamsterkäufen” und Sorge um Nachschub bei einigen vielleicht zusätzlichen Stress und Sorge ausgelöst.
All das kann dazu führen, dass das Thema Essen für Betroffene schwieriger wird. Die Gelegenheiten für Ess-Anfälle nehmen vielleicht zu und zusammen mit der eigenen Belastung verschlimmert sich so das Binge-Eating. Oder das Wegfallen des üblichen Sports und die ständige Anwesenheit anderer schafft innerlich Druck, weniger zu essen. Essstörungen können helfen, mit schwierigen Gefühlen zurecht zu kommen und auch, wenn frau sich im Laufe der Zeit andere, hilfreichere Strategien erarbeitet hat, kann es sein, dass diese außergewöhnliche Belastung zu einem Rückfall in die alte Strategie des Hungerns oder des Essen-und-Erbrechen führt.


Wir möchten Sie in dieser Zeit nicht alleine lassen. Deshalb haben wir einige Strategien für Sie zusammengetragen, die Ihnen hoffentlich Mut machen und Ihnen helfen, mit Ihrer speziellen Situation umzugehen.


– Versuchen Sie, sich eine Struktur zu schaffen: Planen Sie einen täglichen Ablauf, in dem Arbeitszeiten von anderen Zeiten getrennt sind. Gehen Sie dabei so gut wie möglich liebevoll mit sich um: Sie müssen gerade keine Höchstleistungen vollbringen. Machen Sie sich bewusst, dass die Situation an sich viel Energie kostet. Planen Sie auch Essenszeiten ein, wenn es Ihnen hilft, planen Sie auch im Vorhinein, was Sie essen werden: Das kann helfen, die Essensituation an sich zu entlasten und die Gedankenkreise ums Essen zu begrenzen.


– Planen Sie bewusst freie Zeiten und Zeiten für Selbstfürsorge ein. Was würde Ihnen gut tun? Wie können Sie die Beschäftigungen, die Sie sonst machen würden, jetzt realisieren? Vielleicht können Sie sich auch zu Hause eine Kino-Atmosphäre schaffen oder sich eine Kerze anzünden und mit Yoga entspannen.


Selbstfürsorge ist wichtig. Und: Selbstfürsorge ist für die meisten zurzeit schwieriger als sonst. Versuchen Sie, sich nicht noch zusätzlich Stress oder Vorwürfe zu machen, wenn es gerade mit der Selbstfürsorge nicht so gut klappt. Die Situation ist schwierig und sich das immer wieder bewusst zu machen bzw. das zu akzeptieren, kann entlastend sein.


– Pflegen Sie Ihre Kontakte und Freundschaften, so gut das geht. Achten Sie dabei aber auch darauf, welche Kontakte Ihnen gut tun und welche Sie zusätzlich belasten.


– Nehmen Sie wahr, wo es gerade besonders schwierig ist. In der aktuellen Situation werden bei vielen von uns unsere Schwierigkeiten und Verletzungen, Probleme und Unsicherheiten besonders sichtbar. Vielleicht gelingt es Ihnen, dies als Ausgangspunkt zu nehmen, um (mit Unterstützung) hinzuschauen und innerlich etwas mehr über sich selbst zu lernen.


Suchen Sie sich dabei Unterstützung: Sei es bei Freund*innen oder auch professionelle Stellen. Beratungsstellen und Psychotherapeut*innen sind weiterhin erreichbar. Auch wir sind für Sie erreichbar – sowohl telefonisch, als auch per Email und (unter den gegebenen Hygienemaßnahmen) persönlich. Für viele ist es hilfreich, mit einer außenstehenden Person zu sprechen, von sich zu erzählen und gemeinsam auf die eigene Situation zu schauen. Wir finden dabei gemeinsam mit Ihnen Wege, Sie zu unterstützen!


Sie erreichen uns unter der Telefonnummer 06221-21317 (dienstags von 10-12 Uhr, donnerstags von 16-18 Uhr – oder Sie hinterlassen auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht) und unter der Email-Adresse info@fgz-heidelberg.de